Der neue Arbeitsplatz

© Tilman Rau

Fangen wir gleich hier vorne an. Links in der Nische. Der Automat mit den kalten GetrĂ€nken. Die KĂŒhlung ist meistens defekt. FĂŒhren Sie immer genĂŒgend Kleingeld mit sich. Und verzweifeln Sie nicht. Man braucht etwas Übung. Nehmen Sie die MĂŒnze zwischen Daumen und Mittelfinger und stoßen Sie sie mit dem Zeigefinger sanft an. Üben Sie. Wenn Sie es falsch machen, behĂ€lt der Automat Ihr Geld.

Gleich daneben steht der Kaffeeautomat. Trinken Sie niemals etwas aus diesem Automaten. Hören Sie: niemals. Der Kaffee schmeckt nicht. Wir wissen, daß in den BehĂ€ltern mit dem Kaffee- und Milchpulver Ungeziefer nistet.

Wie Sie sehen, steht der Kaffeeautomat direkt an der BetonsÀule. Dadurch entsteht hinter ihm ein Hohlraum. Dieser Hohlraum ist praktisch unsichtbar.

Alle zwei Wochen kommt ein Servicemitarbeiter der Automatenfirma. Er leert die Geldröhrchen und fĂŒllt GetrĂ€nke und Pulver nach. Geben Sie Frau Dembek Geld. Wir alle geben Frau Dembek Geld. In den Pausen lĂ€ĂŸt Frau Dembek Kaffee und Mokka und Capuccino aus dem Automaten. Sie schĂŒttet alles in den Ausguß. Bieten Sie ihr keine Hilfe an. Frau Dembek benötigt keine Hilfe.

Es gibt drei Pausen pro Tag, jede dauert eine Viertelstunde. Sie mĂŒssen sich die Uhrzeiten nicht merken. Die Pausen beginnen, wenn alle aufstehen. Stehen Sie ebenfalls auf. Essen und trinken Sie nur in den Pausen. Essen und trinken Sie im Stehen. Essen und trinken Sie schnell. Gehen Sie dann etwas herum. Sie sollten jeden Tag den gesamten Raum abschreiten. Auf diese Weise prĂ€gen sich die Wege am besten ein, die ĂŒberstehenden Kanten und Hindernisse.

SÀmtliche RÀume sind mit Teppich ausgelegt. Sollten Sie Schuhe mit Ledersohlen tragen, denken Sie daran. Schuhe mit Ledersohlen sind meist schöner. Doch wenn Sie schnell laufen oder gar rennen, können Sie auf dem Teppich leicht ausrutschen. Denken Sie daran. Tragen Sie Schuhe mit Gummisohlen.

NatĂŒrlich dĂŒrfen Sie wĂ€hrend der Pausen GesprĂ€che fĂŒhren. Die meisten hier fĂŒhren GesprĂ€che. Aber nicht jede redet mit jeder. Das werden Sie schnell herausfinden. Vergessen Sie das Herumgehen nicht, wĂ€hrend Sie GesprĂ€che fĂŒhren. Frau Dembek fĂŒhrt keine GesprĂ€che. Sie lĂ€ĂŸt GetrĂ€nke aus dem Kaffeeautomaten und schĂŒttet sie in den Ausguß. Vielleicht werden auch wir beide in den Pausen miteinander reden. Das hĂ€ngt davon ab, ob wir uns verstehen. Das herauszufinden braucht etwas Zeit. Sollten wir uns irgendwann gut verstehen, werden wir Du sagen.

Auch wĂ€hrend der Arbeit lĂ€ĂŸt es sich manchmal nicht vermeiden, den Platz zu verlassen. Es kommt selten vor. Wenn Sie zum Beispiel etwas kopieren mĂŒssen. Der Kopierraum befindet sich ganz hinten links. Neben der Fensterfront. Er wird am Abend abgeschlossen. Wenn Sie zum Kopierraum mĂŒssen, fĂŒhrt Ihr Weg am Platz von Frau Fischer vorbei. NĂ€hern Sie sich Frau Fischer niemals leise. Husten Sie. Stoßen Sie mit dem Schuh gegen ein Tischbein. Rascheln Sie mit Papier. Gehen Sie nicht an Frau Fischers Tisch vorbei, bevor Frau Fischer Sie bemerkt hat. Warten Sie, bis Frau Fischer Sie ansieht. Nicken Sie ihr zu. Gehen Sie dann vorĂŒber.

Sollten Sie leise an Frau Fischer vorbeigehen, wird sie sich erschrecken. Vermutlich stirbt sie daran. Frau Fischer arbeitet nur halbtags.

Insgesamt gibt es in diesem BĂŒro sechsunddreißig ArbeitsplĂ€tze. Wie Sie sehen, sind die Schreibtische in Vierergruppen angeordnet. In diesen Vierergruppen kommt man sich sehr nahe. Das ist keine Ermutigung zu GesprĂ€chen. FĂŒhren Sie GesprĂ€che in den Pausen. Ihr GegenĂŒber kann zu jeder Zeit sehen, was sich hinter Ihrem RĂŒcken abspielt. Sie können sehen, was sich hinter dem RĂŒcken Ihres GegenĂŒbers abspielt.

Tragen Sie knielange Röcke und schließen Sie im Sitzen Ihre Beine. Die Tische sind nicht hoch genug, um darunter die Beine ĂŒbereinander zu schlagen. Wir alle tragen knielange Röcke.

Am Morgen versammeln wir uns um den Tisch von Frau Schulz. Der ist dort drĂŒben. Wir bekommen dort unsere Tagesaufgaben. Diese Aufgaben befinden sich in blauen Aktenheftern. Sehen Sie die Aufgaben nicht durch. Fangen Sie mit der obersten an und arbeiten Sie so lange, bis die letzte beendet ist. Machen Sie Ihre drei Pausen. Denken Sie nicht darĂŒber nach, ob Sie rechtzeitig fertig werden. Das werden Sie. Wenn Sie mit der letzten Aufgabe fertig sind, ist Ihre Arbeitszeit vorĂŒber. Stehen Sie auf. Die anderen stehen ebenfalls auf. Wir verlassen geschlossen den Raum.

In diesem BĂŒro gibt es keine Überwachungskameras. Unser Betriebsrat hat sich vergeblich dafĂŒr eingesetzt.

An der Tischgruppe links von Ihrem Platz ist ein Stuhl unbesetzt. Vor zwei Tagen war Herr Vöhrenbach da, um einige persönliche Dinge seiner Frau abzuholen. Doch wir hoffen alle, daß sie wiederkommt. Frau Vöhrenbach war immer eine sehr angenehme Kollegin. Wir sagen Du zueinander. Ich habe einige SĂ€tze mit Herrn Vöhrenbach gewechselt. Der Arzt hĂ€lt es durchaus fĂŒr möglich, daß sĂ€mtliche Verletzungen auf den Sturz zurĂŒckzufĂŒhren sind.

GegenĂŒber von Frau Fischer sitzt Frau Wilkin. Sie ist fĂŒr die BĂŒromaterialien zustĂ€ndig. Jeden Dienstag geht sie wĂ€hrend der Pausen herum und nimmt die Bestellungen auf. Machen Sie davon Gebrauch. Doch seien Sie sparsam und gewissenhaft. Schließen Sie am Abend alles in den Rollcontainer unter Ihrem Schreibtisch ein. Hier ist noch nie gestohlen worden. Ich bewahre in meinem Rollcontainer Papier, Scheren, Locher, Tacker und Tesafilm auf. Außerdem Spitzer, BĂŒroklammern, einen Taschenrechner, Disketten und ein Springmesser. Ich habe das Springmesser noch nie benutzt.

Es kann sein, daß Sie eines Tages nach der Pause einen grĂŒnen Aktenhefter auf Ihrem Tisch finden. Das ist eine zusĂ€tzliche Aufgabe, die Herr Böhringer persönlich dort abgelegt hat. Sie haben Herrn Böhringer ja bereits beim EinstellungsgesprĂ€ch kennengelernt. Erledigen Sie zunĂ€chst die regulĂ€ren Aufgaben. Machen Sie wie gewöhnlich Ihre restlichen Pausen. Beginnen Sie mit der zusĂ€tzlichen Aufgabe erst, wenn alle gegangen sind. Sobald Sie fertig sind, legen Sie den grĂŒnen Aktenhefter in Herrn Böhringers Fach im Aufgabenregal. Versuchen Sie nicht, Ihre regulĂ€ren Aufgaben schneller zu erledigen als sonst oder auf Ihre Pausen zu verzichten. Sie werden mit den regulĂ€ren Aufgaben immer erst fertig, wenn alle anderen ebenfalls fertig werden. Wenn Sie das BĂŒro verlassen, ohne die zusĂ€tzliche Aufgabe erledigt zu haben, können Sie am nĂ€chsten Tag Ihre Papiere abholen.

Im Winter wird es noch wĂ€hrend der regulĂ€ren Arbeitszeit dunkel. Die Deckenbeleuchtung geht automatisch an. Wenn wir den Raum verlassen, wird sie abgeschaltet. Dann schließen sich auch die Jalousien. An jedem Tisch gibt es eine kleine Lampe.

Konzentrieren Sie sich auf Ihre zusĂ€tzliche Aufgabe. Achten Sie nicht auf die Dunkelheit, die Sie umgibt. Neben dem Eingang befindet sich ein Schalter fĂŒr die Deckenbeleuchtung. Es ist ein Intervallschalter. Nach einigen Minuten geht das Licht automatisch wieder aus. Denken Sie nicht an das, was Sie umgibt. Konzentrieren Sie sich auf Ihren Schreibtisch und Ihre zusĂ€tzliche Aufgabe. Die kleine Lampe reicht vollkommen.

Machen Sie keine Pause. Erinnern Sie sich daran, wie gut es ist, Arbeit zu haben. Achten Sie auf GerĂ€usche. BetĂ€tigen Sie niemals den Intervallschalter. Es ist nicht gut, der Dunkelheit alles zu entreißen. Denken Sie an Frau Fischer.

Achten Sie auf GerĂ€usche. Herr Böhringers Gelenke machen meistens GerĂ€usche. Löschen Sie das Licht an Ihrem Tisch. Nehmen Sie nicht den direkten Weg. Gehen Sie im BĂŒro herum. Denken Sie daran, daß Ihre FĂŒĂŸe die Wege kennen. Sie kennen die VorsprĂŒnge und Hindernisse. Denken Sie an etwas Schönes. An die GesprĂ€che, die Sie in den Pausen gefĂŒhrt haben. Vielleicht werden wir beide in den Pausen miteinander reden. Vielleicht werden wir Du sagen.

Gehen Sie zum Kaffeeautomaten. Verschwinden Sie im Hohlraum hinter dem Automaten. Schreien Sie nicht. Der Hohlraum ist unsichtbar. Noch niemals wurde dort jemand gesehen. Warten Sie eine Zeit.

Gehen Sie zurĂŒck an Ihren Tisch, machen Sie die Tischleuchte an und erledigen Sie Ihre zusĂ€tzliche Aufgabe. Legen Sie den grĂŒnen Aktenhefter in Herrn Böhringers Fach. Herr Böhringer wird sein BĂŒro erst verlassen, wenn Ihre zusĂ€tzliche Aufgabe erledigt ist. Wenn Sie die Aufgabe nicht erledigen, können Sie am nĂ€chsten Tag Ihre Papiere holen.

Wenn Sie schnell sind, schaffen Sie den Weg vom Kaffeeautomaten zum Treppenhaus in fĂŒnf Komma drei Sekunden. Denken Sie an den Teppichboden. Denken Sie daran, daß es Schlimmeres gibt als keine Arbeit zu haben. Denken Sie an Frau Vöhrenbach.

Wenn Sie in den Pausen Kaffee trinken wollen, bringen Sie eine Thermoskanne mit. Denken Sie daran, Frau Dembek Geld fĂŒr den Kaffeeautomaten zu geben. Frau Dembek fĂŒttert den Kaffeeautomaten mit Geld. Sie schĂŒttet die ungenießbaren GetrĂ€nke in den Ausguß.

Ich freue mich, daß Sie hier sind. Ich trinke in den Pausen Kaffee aus meiner Thermoskanne. Bestimmt werden wir eines Tages Du sagen.